Jana E. Hentzschel
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Gedicht des Monats 2022:
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Der Pelikan im Lesewahn

Der Dichter arm, die Börse leer;
es muss ein Job ganz dringend her.

Im Winter – es war Weihnachtszeit –
stand ich beim Bäcker stets bereit,
verpackte Stollen, Kekse, Kuchen;
doch muss mir jetzt was andres suchen.
Im Sommer braucht man keine Stollen,
weil Menschen Eis und Grillwurst wollen.

Im Stellenmarkt lacht mich was an,
worauf ich mich bewerben kann.

„Bist tolerant du und belesen,
hast Feingefühl für alle Wesen
und suchst nen Job, der dir gefällt,
dann komm zu uns – für Spaß und Geld.“

Ich ruf gleich an, versuch mein Glück,
und sprech mit einer Rita Brück.
„Der Dresdner Zoo, die Bücherei,
sucht jemanden fürn Buchverleih.“

Ich bin nicht sicher, wie sie‘s meint;
die Tiere lesen, wie mir scheint.

„Natürlich können Tiere lesen,
sie sind ja äußerst kluge Wesen.
Gern komm vorbei und schau dir an,
was dieser Job dir bieten kann.“

Bin wenig später schon im Zoo
und Rita macht mich auch gleich froh.

Die Bücherei ist irre groß,
auf drei Etagen – ganz famos.
Die Theke sehr modern gehalten;
Computertechnik zum Verwalten.

„Wer hat denn das zuvor gemacht?“
„Nun ja“, seufzt Rita und sagt sacht:
„Der Chuck war hier seit vielen Jahren.
Er war sehr freundlich und erfahren.
Doch ging er neulich mit dem Ziel,
ein Buch zu bringen, dem Reptil.
Wir sahen Chuck nie wieder, traurig.
Erst auf dem Röntgenbild – sehr schaurig!“

Mir wird ganz übel und mir graut.
Doch Rita lacht verschmitzt und laut.
„Ein Scherz! Es ging der Chuck in Rente,
mit einem guten Arbeitsende.“

Ich bin erleichtert, keine Frage.
Und weil mir angenehm die Lage,
ich fühl mich wohl und heimisch hier,
drum unterschreib ich das Papier.

Da klopft es auch schon an der Tür.
„Herein!“ sag ich zum Trampeltier –
zwei Höcker unterm Sommerfell:
„Ich such ein Buch … und möglichst schnell.“
Sein Wunsch erscheint mir sonderbar.
Mein Herz gehört dem Dromedar

Ein Pelikan sucht gleich darauf
ein Buch mit spannendem Verlauf.
„Doch soll die Wortwahl mich nicht quälen.“
„Kann Harry Potter sehr empfehlen.“

Die Antilope scheu, doch keck,
kommt rein, guckt her und wieder weg.
„Wo finde ich … Ich hätte gern
ein Buch von diesem Herrn Jules Verne.“

Ein Orang-Utan klettert munter
die Stufen rauf und wieder runter,
dann hängt er am Geländer dran:
„Ob ich den Darwin haben kann?“

Das Steppenzebra sucht vergnügt,
obs etwas übern Weltraum gibt;
Planet, Pulsar und weißer Zwerg –
mit Text und Bild, ein schönes Werk.

Die Erdmännchen sind gleich zu viert.
Sie suchen rum ganz ungeniert
nach einem Buch von dieser Stadt,
was Dresden so zu bieten hat.

Ein Elefant mit schwerem Schritt
bringt Faust und auch Die Glocke mit.
„Ich habe diese ausgelesen.
Jetzt hätt ich gerne Märchenwesen.“

Die Tür geht auf, die Tür geht zu.
Ein Faultier kommt in aller Ruh.
Gut zehn Minuten dauert es:
„Ich such ein Büchlein gegen Stress.“

Der Löwe schlaksig, ernst der Blick.
Gefressen hat er schon – zum Glück!
„Ob ich paar Reime haben kann?“
Ich bin so frei, biet meine an.

Und wenig später kommt schon wieder
der Pelikan – weiß das Gefieder.
„Der Stein der Weisen – toll gewesen.
Will gleich die andren Teile lesen.“

Bin also rundherum zufrieden,
hab völlig richtig mich entschieden.
Da kommt ein Krokodil und klagt,
weil ich nicht hab, wonach es fragt.

Mit offnem Maule packt es mich;
mein Herz, es hämmert fürchterlich.
Dann wach ich auf, mein Körper zuckt,
bevor mich das Reptil verschluckt.

Entspanne mich und sehe nach:
Kein Krokodil im Schlafgemach.
Ein schöner Traum, doch dieses Ende –
noch immer zittern meine Hände.

Was man im Tierpark machen kann,
das schau dir gerne selber an.
Ich mach es heut zumindest so
und geh mal wieder in den Zoo.