Jana E. Hentzschel
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Lehrstunde
Erschöpft
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Aus dem Wald in die Pfanne
Der Lottoschein
Herbststimmung
Saisonkräfte gesucht!
Metamorphose
Stürmisch
Die Rabenkrähe
Verständigung
Chancenverwertung

Lehrstunde

„Du weißt schon viel, doch alles nicht“,
der Reiher zu dem Kinde spricht.
„Sehr kräftig bist du, hast viel Mut
und fliegen kannst du auch schon gut.

Darum ist heut’ die Lehre dran:
Wie komm’ ich an mein Fressen ran?
Und hier am Fluss, so glaube mir,
entdeckst du manches leck’re Tier.
Da vorn der Frosch ist delikat.“

Der Vogel schreitet rasch zur Tat:
Er schleicht sich vorsichtig heran,
verdeckt von einem Birkenstamm;
doch als er um den Baum dann sieht,
erschrickt der Frosch, springt auf und flieht.

„Verflucht sei diese Sprungeskraft,
die ist für uns nicht vorteilhaft.
Wir nehmen also lieber Fisch,
der ist gesünder und schön frisch.
Schau her, mein Kind, so macht man das!“

Der Reiher watet rein ins Nass;
er senkt der Kopf, er krümmt den Hals ...
und flucht aufgrund des Zwischenfalls,
denn viel zu spät fällt ihm erst ein,
die Steine könnten rutschig sein.

„Ja, lach’ nur, Kind, doch merk’s dir gut:
Gib’ ständig Acht, sei auf der Hut;
ob Stein, ob Mensch, ob Marderhund,
zur Vorsicht gibt es immer Grund!“

Er schüttelt sich und überlegt:
Hat sich da drüben was bewegt?
„Oh ja, am Ufer ist ’ne Maus;
viel Fell, doch köstlich dieser Schmaus.“

Geräuschlos watet er heran;
doch kurz bevor er schnappen kann,
da kommt ein Fuchs ihm frech zuvor,
bleibt steh’n und knurrt zu ihm empor.

Der große Vogel bleibt entspannt.
Der Schrei des Fuchses hallt durchs Land.
Die Maus fällt aus dem Maul im Nu;
der Reiher sieht’s und schnappt schnell zu.

Die Vögel flüchten und zu Haus’
bekommt der junge Held die Maus:
„Die hast du dir verdient, mein Kind.
So blitzgescheit und so geschwind
dein Schnabel in den Hintern rein,
der Fuchs wird lange leidend sein.

Es braucht zur Jagd sehr viel Geschick
und, wie du siehst, ’ne Menge Glück.
Mal geht’s ganz leicht, mal ist’s ne Qual.
Und morgen machst du’s selber mal.“